Segovia - Spaniens Stadt der Könige
Die friedliche
Koexistenz der drei Weltreligionen hinterließ in Segovia einmalige
Kulturdenkmäler
Segovia im Frühling
Spätestens seit der Hochzeitsfeier des spanischen
Kronprinzenpaares ist Madrid für die Deutschen eine der bekanntesten
europäischen Metropolen: Das Königsschloss, die Puerta del Sol mit ihren
schicken Einkaufsstraßen, die wunderschöne Plaza Mayor und die gemütlichen
Tapaskneipen ringsum, und natürlich die weltberühmten Museen, allen
voran die Kunsttempel „Prado“ und „Reina Sofia“. Nachtleben in den
Diskotheken und in den urigen Flamencolokalen, aber auch Musik und Tanz im
Freien: Die quicklebendige Viermillionenstadt scheint niemals zu schlafen.
Doch ganz in der Nähe wartet eine fast unbekannte Schönheit auf ihre
Entdeckung, die kleine und beschauliche Königsstadt Segovia: Eine
mittelalterliche Stadt mit sonnigen Plätzen, ehrwürdigen alten Palästen
und einem traumhaften Zauberschloss.
Den schönsten Panoramablick auf die königliche Stadt genießt man beim
Spaziergang rings um Segovia: Gemächlich über den Rio Clamores und ein
Stück entlang den Camino Cuesta de los Hoyos, dann neben dem alten
Judenfriedhof hinauf auf den Höhenweg mit grünen Wiesen und schattigen Bäumen.
Am Flussufer sonnen sich die Pärchen zwischen weißen Margariten und rot
leuchtendem Mohn. Darüber scheinen die mittelalterlichen Häuser mit den
dunklen Holzbalkonen oder den hellen arabisch anmutenden Mudéjarfassaden
direkt an der alten Befestigungsmauer zu kleben, die mit ihren wuchtigen
Toren einen 3 Kilometer langen Ring um die Stadt bildet. Und noch weiter
in die Höhe streben die steilen Gassen und schmalen Treppen bis hin zu
den Türmen der über 20 noch heute benutzten romanischen Kirchen aus dem
11. bis 14. Jahrhundert. Doch alles überragt die sandsteinfarbene
gotische Kathedrale, deren verspielte Türmchen und spitze Giebel einen
interessanten Gegensatz zu ihrer
strengen Kuppel bilden. Beim Rundgang auf dem Panoramaweg wechselt ständig
die Aussicht, bis endlich wie ein Märchenschloss aus tausendundeiner
Nacht der Alcazar über den Baumwipfeln erscheint, Prunkschloss und
Kulturzentrum der spanischen Könige seit dem 15. Jahrhundert. In dieser Königsburg
wurde Isabella I. von Kastilien (1474) zur Königin gekrönt. Hier
entschied der Habsburger Kaiser Karl V., in dessen Reich die Sonne nicht
unterging, den Krieg um sein spanisches Erbe. Hier feierte sein Sohn
Philipp II., Herrscher über die spanischen Länder und die Neue Welt,
Hochzeit mit Anna von Österreich (1570).
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Burg von Segovia: ein
Schiff aus Stein
Bis in unsere Zeit blieb der Alcazar ein Lieblingsplatz der spanischen
Krone und wurde nach einem Brand im Jahr 1862 sorgfältig restauriert. Wie
ein steinernes Schiff liegt die Burg mit ihrem spitzen Bug auf dem
schmalen Felsen über der Mündung der Flüsse Clamores und Fresma. Ihr
zinnengekrönter Turm und die bildergeschmückten Königssäle – sogar
das königliche Schlafzimmer ist zu besichtigen – sind natürlich ein
Magnet für Besucher.
Segovia, nur 90 Kilometer von der hektischen Viermillionenstadt Madrid
entfernt, ist ein recht beschauliches Städtchen. Den eigentlichen Kern
kann man in knapp einer halben Stunde zu Fuß durchqueren, eine halbe
Stunde durch mehr als zweitausend Jahre Geschichte. Im ersten Jahrhundert
n.Chr. eroberten die Römer den keltischen Ort und hinterließen eine 15
Kilometer lange Wasserleitung, die noch bis 1864 frisches Quellwasser aus
dem Guadarrama-Gebirge in die Stadt leitete. Heute ist das bis zu 29 Meter
hohe Aquädukt ein Wahrzeichen der Stadt. Hier beginnt die Flaniermeile
und an Sommerabenden spielt auf einer Bühne unter den steinernen Bögen
eine Kapelle vor Einheimischen und Touristen.
Nach den Römern
kamen die Westgoten, dann folgten die Araber und vom 11. Jahrhundert ab
die christlichen Eroberer. Doch ganz im Gegensatz zum übrigen Spanien
lebten im mittelalterlichen Segovia lange Zeit Christen, Juden und Muslime
friedlich miteinander, und diese Koexistenz ließ Bauwerke von seltener
Schönheit entstehen: Das eindrucksvolle San-Andres-Tor
führt in das ehemalige Judenviertel mit Resten von 3 Synagogen.
Christliche Adelsfamilien, durch den Tuchhandel wohlhabend geworden, ließen
ihre Prunkvillen von arabischen Baumeistern mit Galerien und Wohntürmen
und die Fassaden mit der anmutigen Sgraffiti-Verzierung des Mudéjarstils
schmücken. Beruflich und religiös organisierte Gruppen bauten ihre
romanischen Kirchen und Klöster und gestalteten die Räume mit kostbaren
Bildern und Fresken aus. Ein Rundgang durch die Stadt, am besten mit dem
kostenlosen Stadtplan aus dem Verkehrsbüro, gleicht einem Besuch in einem
allerdings recht lebendigen Museum. Denn die meisten Gebäude sind auch
von innen zugänglich. So präsentiert die Sparkasse im Turm des Hauses
Lozoya eine permanente Ausstellung, das pittoreske „Haus der Spitzen“
mit seiner an Diamanten erinnernden Fassade beherbergt ein
Musikkonservatorium.
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Segovia: Plaza Mayor
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Doch in den schmalen Gassen findet man auch höchst moderne Boutiquen und
schicke Läden, die Strassen öffnen sich zu romantischen Plätzen mit
Terrassenrestaurants und gemütlichen Tavernen. Am Abend flaniert man
durch die Stadt, lässt sich in einem ehemaligen Adelspalast von der
heimischen Gastronomie verwöhnen (Spezialität in Segovia: gebackenes
Spanferkel) oder genießt unter den Arkaden der Plaza Mayor das Flair
einer jung gebliebenen alten Stadt, die seit 1985 zum Weltkulturerbe der
UNESCO zählt.
Text und Fotos © Rolf Wilms
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