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Jeden
Abend versammelt sich eine andächtige Touristengemeinde am Rande des
ehemaligen Fischerdorfes Oia, um den (angeblich) schönsten
Sonnenuntergang Griechenlands zu genießen. Die Terrassenstühle an der
kleinen Windmühlenbar sind längst besetzt, die Mauern neben den schmalen
Gassen avancieren zu Logenplätzen, und auch die 290 Stufen, die hinab zur
Ammoúthi-Bucht führen, finden ihre Liebhaber. Maler und Zeichner haben
ihre Staffeleien auf dem kleinen Kirchplatz aufgebaut, und Videofilmer
sowie Fotografen suchen freies Schussfeld. Und wenn dann - endlich - die
Sonne neben der Insel Therasia in einem goldglühenden Meer versinkt,
erklingt ein begeistertes Händeklatschen wie zu einem gelungenen
Schauspiel

Ruine bei Oia am Abend
In der Tat gleicht Santorini
(oder Thera, wie die Einwohner sagen), die südlichste Insel der Kykladen,
einem riesigen natürlichen Theater mit einer geradezu atemberaubenden
Kulisse: Ein mit tiefblauem
Meerwasser gefüllter Krater von 12 Kilometern Durchmesser mit fast
senkrecht abfallenden Rändern. Drei weiße Dörfer am äußersten Rand in
schwindelnder Höhe. Theaterränge aus roter Lava bis zum Horizont, und
unten in der schwarzblauen Lagune vor den im Abendlicht dampfenden
Vulkaninselchen Nea Kameni und Palea Kameni die weißen Segel der
Ausflugsboote oder eins der mal mehr, mal weniger luxuriösen
Kreuzfahrerschiffe.
Panorama-Fans
schlendern über autofreie Gassen und Treppen direkt am Kraterrand
entlang, vorbei an Aussichtslokalen, vor denen man gern mal stehen bleibt,
auch wenn man nicht besonders hungrig ist. Billig
ist es ja nicht gerade, aber das Angebot an kulinarischen Leckerbissen
kann durchaus mit den optischen Genüssen konkurrieren.
Dem Einfluss der venezianischen
Besetzung zur Kreuzfahrerzeit haben es die Santoriner zu verdanken, dass
auf ihrer Insel die deftigen Gemüse-, Fleisch- und Fischgerichte
griechischer Provenienz mit italienischer Raffinesse verfeinert wurden.
Aber auch die Architektur spiegelt den Einfluss der mittelalterlichen
Herrscher aus Italien, so im “Katholischen Viertel” von Thira rings um
die Kathedrale und am Archäologischen Museum. Die für griechische Verhältnisse
ungewöhnlich hohe religiöse Toleranz auf Santorini erlaubt hier z.B. dem
orthodoxen Ikonenmaler Georgios Gavras, sein Kunsthandwerk nach
traditioneller Methode auszuüben und Besuchern zu demonstrieren, in einem
Kellerraum der römisch-katholischen Kirche!

weiße Häuser über dunklen Vulkanhängen
Natürlich bieten die
Touristendörfer Thira, Oia und Imerovigli am Kraterrand
auch weltliche Mitbringsel in Hülle und Fülle: Neben den üblichen
Kitsch vor allem auch schön gearbeiteten Goldschmuck, z.T. Handarbeiten
nach antiken Vorbildern. Und zwar mit Zertifikat der berühmtesten
Goldmanufakturen. Bei ernsthafter Kaufabsicht und geschicktem Handeln kann
man übrigens bis zu 30% des ursprünglich genannten Preises einsparen.
Ausflüge über die Insel
unternimmt man am besten auf eigene Faust: Es gibt es regelmäßige
Busverbindungen mit langen Warteschlangen und engem Kontakt mit der
einheimischen Bevölkerung, Knoblauchduft inbegriffen, preiswerte Taxen,
nicht ganz so preiswerte Leihwagen (ab 30 €/Tag). Die bei den Touristen
beliebten und preisgünstigen Motorräder (ca. 8€/Tag) sind allerdings
wegen der tiefen Schlaglöcher, die immer dann auftauchen, wenn man am
wenigsten mit ihnen rechnet, und der gewöhnungsbedürftigen Fahrweise der
Insulaner nicht ganz ungefährlich..
Lohnende Ausflugsziele sind
einmal die Kies- und Sandstrände auf der vom Kraterrand abgelegenen
Seite, allen voran der lebhafte Urlauberort Kamari - ein ehemaliges
Fischerdorf vor einem malerischen Felsen. Der Dorfcharakter ist teilweise
noch erhalten, Hochhäuser und große Hotelanlagen gibt es nicht.
Angenehm: Hier weht auch an heißen Tagen ein frischer Wind, und am Abend
wird die Strandpromenade - gesäumt von kleinen Läden und urigen Lokalen
- zur Flaniermeile der Insel. Von hier starten auch die kleinen Taxiboote
zum kilometerlangen Strand von Perissos sowie zum romantischen
“Red Beach” bei Akrotiri. Die
berühmten Ausgrabungen dort sind allerdings z.Z. (2006) nicht zu
besichtigen. Wer auf Santorini in erster Linie einen Badeurlaub verleben
will, kann natürlich gleich in einem Hotel oder Ferienhaus am Meer
wohnen.
Von Kamari
erreicht man nach einer Klettertour (oder einer Fahrt mit einem Taxibus)
eine archäologische Sensation: die Ruinen einer dorischen Stadt, die bis
in die späte Römerzeit besiedelt war. Wer sich
jedoch weniger für alte Geschichte, aber umso mehr für das Treiben in
einem quicklebendigen griechischen Weinort
inmitten grüner Hügel interessiert, sollte einen Rundgang durch
das malerische Bergdorf Pirgos hinauf zur Bergfestung unternehmen und im
urigen Burgcafé, von einer rührend bemühten, aber etwas unprofessionell
arbeitenden Familie bewirtschaftet, den Ausblick über die Insel genießen.
Heiße Quellen, fauchende
Fumarolen und bizarre Mondlandschaften erlebt man beim Tagesausflug mit
einem Segelschiff durch die Caldera, dem mit Meerwasser gefüllten
riesigen Krater, von dem lediglich die Ränder über dem Wasser zu sehen
sind: Santorini und die beiden Nachbarinseln. Die Ausflügler starten früh
morgens im Hafen Athinios und umrunden die Südspitze von Santorini,
vorbei am Leuchtturm und bis zu den "Geheim"-Stränden Red Beach
und White Beach.

weiße Dörfer am Kraterrand hoch über dem
Meer
Abenteuerlich, aber ungefährlich
und angenehm ist das Bad in den warmen Schwefelquellen vor der kleinen
Vulkaninsel Palea Kameni ("alte Verbrannte"). Im Frühjahr, wenn
das Meer noch ziemlich kalt ist, muss der Kapitän oft ziemlich lange
warten, bis die Badegäste freiwillig zum Schiff zurückschwimmen. Noch näher
kommt man dem heißen Erdinnern bei der Wanderung über die größere
Vulkaninsel Nea Kameni ("Neue Verbrannte"), besonders auf dem
Zentralkrater mit seinen dampfenden Schwefel- und Wasserdampfquellen. Am
Nachmittag landet das Ausflugsboot auf
Santorinis kleiner Schwester Therasia, einer fast vergessenen
Insel, wo es bis vor kurzem weder Strom noch fließendes Wasser gab und
anstelle von Straßen höchst unbequeme Ziegenpfade über die steilen
Berge. Hier scheint die Zeit wirklich stehen geblieben zu sein, und so
sind die wenigen Privatquartiere in den Sommermonaten bei zahlreichen Möchte-gern-Robinsons
schnell ausgebucht. Am Tage hocken sie dann an den einsamen Badestränden
rings um die Insel, die sie nur mit den Gästen verschiedener
Ausflugsschiffe teilen müssen, oder bevölkern das etwas weniger einsame
griechische Fischrestaurant mit über 100 landestypischen Vorspeisen. Auf
der abendlichen Rückfahrt nach Santorin erleben die Tagesausflügler dann
noch ein ganz besonderes Highlight: Das Panorama der Hauptinsel vom Meer
aus gesehen, die steilen rotflammenden Hänge und die weißen Dörfer hoch
am Himmel...
Bilder und Text
© Rolf Wilms
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Eine Textvariante erschien im Jahr 2006 in Der Tagesspiegel |