Berichte zum lesen und schauen: Camargue-Land zwischen Seen und Meer Bergkobolde und Schneegespenster am Lötschberg Aletschgletscher:Die Schönheit zerfließt
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Glatt über den Gletscher Ein
eiskaltes Sommervergnügen
Der Grosse
Aletschgletscher im Schweizer Wallis ist mit seinen 23 Kilometern Länge nicht
nur eins der schönsten Naturwunder Europas, sondern auch ein recht zahmer
Eisriese. Ganz im Gegensatz zu den vergletscherten Gipfeln der benachbarten
Viertausender ringsum, die nur von erfahrenen Bergsteigern zu bezwingen sind,
benötigt hier der staunende Besucher aus dem Flachland außer einer guten
Kondition (14 Kilometer Wanderstrecke, Überwindung von 700 Höhenmetern nach
unten und oben) keine besonderen bergsteigerischen Fähigkeiten, um in
Begleitung eines Bergführers mitten im Sommer ein recht außergewöhnliches
Erlebnis zu genießen: eine Überquerung des größten Gletschers der Alpen.
Offen gestanden: Ein
bisschen Angst hatten wir alle. Die Gänsehaut verschwand auch nicht ganz,
nachdem wir den Pullover über das nass geschwitzte T-Shirt gestreift hatten, um
uns vor der Eiseskälte des Gletschers zu schützen. Und manch eine Hand krallte
sich fester als unbedingt nötig um das Seil, an dem uns unser Bergführer
aufgereiht hat wie die Perlen an einer Kette. Ohne Begleitung durch einen
kompetenten Einheimischen wäre der eine oder andere vielleicht sogar in Panik
geraten, wie das Pärchen, das wir gestern vom Bettmerhorn aus mit den Fernglas
beobachtet hatten und das offenbar im Labyrinth der Gletscherspalten die Übersicht
verloren hatte. Denn aus der Nähe wirkt das Eis nicht mehr so eben wie von
oben, sondern eher wie ein plötzlich erstarrter Fluss mit hohen Wellen. Kein
markierter Weg führt durch diese Landschaft aus haushohen Schollen, steil
aufragenden spitzen Eisbergen, Eishöhlen und Grotten mit Säulen und
fantastischen Eisfiguren, die sich kein Künstler ausdenken könnte. Manchmal
balancieren wir über schmale und glatte Eisbrücken vorbei an tiefen
blauschimmernden Spalten und Schmelzwasserbächen, die sich in unergründlichen
Eislöchern verlieren. Besonders unheimlich: Das Rauschen des unsichtbaren
Schmelzflusses tief unter unseren Füßen.
Doch merkwürdiger
Weise erhöht ein wenig Angst den Genuss, besonders wenn man sich sicher weiß
unter der Leitung eines erfahrenen Führers. Bald merken auch die Neulinge, dass
unsere Profilschuhe ohne Steigeisen sicher auf der rauen Eisoberfläche haften,
und die anfängliche Unsicherheit weicht der Begeisterung über die wilde
Naturlandschaft. Bernhard Stucky, hauptberuflich Tourismusdirektor von der
Bettmeralp, hat Verständnis für die Fotografen in unserer Wandergruppe, die
sich regelrecht berauschen an den Motiven, und am Ende der
Gletschertraversierung werden die letzten Filme oder Chips aus dem Rucksack
geholt, obwohl es auf dem Rest des Weges noch genügend zu fotografieren gäbe.
Unser Bergführer
zeigt uns, wie die verschiedenen Vegetationsformen den Rückgang des Gletschers
in den letzten 100 Jahren dokumentieren. Damals schob der Oberaletschgletscher
noch seine Eismassen wie ein Nebenfluss in den Großen Aletschgletscher, heute
überqueren wir die Schlucht unterhalb seiner Zunge auf einem in den Felsen
gesprengten Weg, über den am letzten Sonntag im August die berühmten
Schwarznasenschafe von ihren Sommerweiden zurückgetrieben werden. „Es ist
schon ein Wunder, dass ein solch mächtiger Eisstrom auf der sonnigen Südseite
der Alpen überhaupt existieren kann!“ meint Bernhard Stucky. „Doch die
gewaltigen Eismassen, die in der Region um den Konkordiaplatz eine Mächtigkeit
von über 800 Metern erreichen, bilden hier ein eigenes schützendes
Miniklima.“ Wir spüren es am eigenen Körper: Trotz strahlender Sonne wird es
am Gletscher spürbar kühler.
Die eigentliche
Gletschertraversierung dauert einschließlich
einer Pause auf der Mittelmoräne kaum
zwei Stunden. Geschickt umgeht der Bergführer die breiteren Spalten,
an einigen steileren Stellen schlägt er Stufen ins Eis, und er erzählt
so spannend von den Ergebnissen und Methoden der modernen Gletscherforschung,
dass uns die Zeit wie im Fluge vergeht. Am anderen „Ufer“ des Eisstroms geht
es steil hoch über die Seitenmoräne und durch den Aletschwald hinauf zum
Naturschutzzentrum Villa Cassel auf der Riederalp. Von einem Aussichtspunkt an
der Riederfurka können wir noch einmal unseren Wanderweg aus der
Vogelperspektive überblicken. Auf
dem Rückweg in unsere Herberge wird nur wenig gesprochen: Gut möglich, dass
sich die Anstrengung der Wanderung allmählich bemerkbar macht. Vielleicht aber gehen
wir auch so ruhig, weil jeder für sich die Erlebnisse der Tour und die
Begegnung mit der majestätischen Natur noch einmal Revue passieren lässt... Gletscherwanderungen gibt es noch immer, aber eine Traversierung des Aletschgletschers wird neuerdings nicht mehr angeboten. Das Abschmelzen hat auch für den Besucher Konsequenzen. Der Bericht hat noch einen Nachtrag, einen Artikel aus der WAZ vom 24.04.1999. Zurück zur Homepage geht es über den Link "Startseite"
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